13. Januar 2026 – 89.0 RTL
Die Jury kürt „Sondervermögen" zum Unwort 2025. Der Begriff verschleiert Staatsschulden und zeigt, wie Politik mit Sprache Fakten vernebelt.
Die Jury hat entschieden: „Sondervermögen" ist das Unwort des Jahres 2025. Was auf den ersten Blick nach einem harmlosen Fachbegriff klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als sprachlicher Nebel, der verschleiert, worum es wirklich geht – um Staatsschulden. Die sprachkritische Jury in Marburg prangert damit eine Entwicklung an, die in der politischen Kommunikation zunehmend Raum greift: komplizierte Begriffe, die unangenehme Wahrheiten verstecken sollen.
Warum ein Fachbegriff zum Problem wird
„Sondervermögen" stammt ursprünglich aus der Wirtschafts- und Rechtssprache – ein nüchterner Terminus für zweckgebundene Finanzmittel. Doch in der politischen Debatte hat der Begriff eine neue Karriere gemacht. Statt offen von Schuldenaufnahme oder Kreditfinanzierung zu sprechen, greifen Politikerinnen und Politiker zunehmend zu diesem sperrigen Wort. Die Jury kritisiert genau diese Praxis: Der Begriff verschleiere, dass es sich letztlich um Staatsverschuldung handelt.
Besonders deutlich wurde dies in den Diskussionen über Investitionsprogramme und staatliche Ausgaben. Während früher von Krediten oder Schulden die Rede war, dominiert heute das vermeintlich neutralere „Sondervermögen" die öffentliche Kommunikation. Ein klassisches Beispiel für das, was Sprachwissenschaftler als „Euphemismus" bezeichnen – ein beschönigender Ausdruck, der unangenehme Tatsachen weichspülen soll.
Wie das Unwort des Jahres ausgewählt wird
Hinter der Kür steht ein transparenter Prozess: Bürgerinnen und Bürger können das ganze Jahr über Vorschläge einreichen. Eine Jury aus vier Sprachwissenschaftlern, einer Journalistin und jährlich wechselnden Gästen sichtet die Einsendungen und trifft die finale Entscheidung. Dabei geht es nicht um Sprachpolizei, sondern um Sensibilisierung.
Die Kriterien sind klar definiert: Infrage kommen Formulierungen, die gegen Menschenwürde oder demokratische Prinzipte verstoßen, gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder – wie im aktuellen Fall – euphemistisch und verschleiernd wirken. Im Vorjahr hatte die Jury „biodeutsch" zum Unwort gekürt, ein Begriff, der Menschen nach Herkunft kategorisiert und ausgrenzt.
Häufig gestellte Fragen zum Thema
Warum ist „Sondervermögen" problematisch?
Der Begriff suggeriert etwas Besonderes und Wertvolles, verschleiert aber, dass es sich um Schulden handelt. In der politischen Kommunikation wird damit die Aufnahme von Krediten sprachlich verharmlost. Die Jury kritisiert diese mangelnde Transparenz, weil Bürgerinnen und Bürger ein Recht auf klare Sprache haben – besonders wenn es um Staatsfinanzen geht, die letztlich alle betreffen.
Wer kann Vorschläge für das Unwort des Jahres einreichen?
Jede und jeder kann sich beteiligen. Bis zum Jahresende können Interessierte ihre Vorschläge mit Begründung einreichen. Die Jury prüft dann alle Einsendungen nach festgelegten Kriterien. Es geht dabei nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern um sprachkritische Analyse: Welche Begriffe prägen die öffentliche Debatte auf problematische Weise?
Was bewirkt die Wahl zum Unwort des Jahres?
Die Aktion schärft das Bewusstsein für den Umgang mit Sprache in der öffentlichen Kommunikation. Sie zeigt, wie Wortwahl politische Diskussionen beeinflussen und Sachverhalte verschleiern kann. Viele Medien und Bildungseinrichtungen greifen die Diskussion auf – ein wichtiger Beitrag zur demokratischen Streitkultur, in der klare Sprache und Transparenz unverzichtbar sind.